Trainingsmethode – Belohnung wirkt – Strafe verletzt

Im letzten Blogartikel ging es darum, welche Bindungsformen zwischen Mensch und Hund existieren – und welche davon erstrebenswert ist: die sichere Bindung. Und ja – ich habe dir versprochen, zu erklären, welche Trainingsmethode eine sichere Bindung begünstigt und welche Methoden eher zu instabilen oder gar schädlichen Bindungen führen können.

Das ist eines meiner absoluten Herzensthemen und richtet sich an alle mit Hund und nicht nur an Menschen mit Hunden die Helfen!

Wenn du bereits einen Hund hast, dich mit Training ein wenig beschäftigt hast oder einfach mal etwas wie „Mein Hund zieht an der Leine“ oder „Mein Hund bellt, wenn …“ gegoogelt hast, ist dir sicher aufgefallen: Es gibt unglaublich viele Meinungen. Social Media ist voll mit Ratschlägen zur Hundeerziehung. Liest man dann die Kommentare, wird schnell klar – selbst unter Fachpersonen gehen die Meinungen weit auseinander. Warum das so ist, möchte ich dir heute möglichst verständlich erklären. Mein Ziel ist es, dass du – auch ohne jahrelange Ausbildung – ein Gespür dafür bekommst, welchen Hundetrainerinnen du dein Vertrauen schenken kannst.

Ein kleiner Ausflug in die Verhaltenswissenschaft

Damit du die Thematik gut greifen kannst, machen wir einen kleinen Ausflug in die Theorie der Verhaltenswissenschaft. Die kleinste Einheit von Verhalten lässt sich in drei Teile gliedern – das sogenannte A-B-C:

A = Antezedens (Auslöser/Situation)

B = Behaviour (Verhalten)

C = Consequence (Konsequenz)

Klingt theoretisch? Keine Sorge, ich mache es dir gleich greifbar mit ein paar Beispielen:


Beispiel 1

A (Auslöser): Dein Hund sieht eine Katze davonrennen.
B (Verhalten): Er rennt los und jagt sie.
C (Konsequenz): Er kommt der Katze näher, kann der Spur folgen.
Ergebnis: Die Wahrscheinlichkeit, dass dein Hund beim nächsten Mal wieder einer Katze hinterherjagt, steigt.


Beispiel 2

A: Dein Hund riecht etwas Leckeres auf der Küchenzeile.
B: Er springt zum ersten Mal hoch, um es zu erreichen.
C: Der Topfdeckel fällt mit einem lauten Knall herunter. Dein Hund erschrickt und rennt weg.
Ergebnis: Vielleicht springt er nie wieder an der Küchenzeile hoch.


Was wir hier beobachten, nennt sich in der Fachsprache Operante Konditionierung.
Als Hundetrainerinnen haben wir im Rahmen dieser kleinsten Einheit an Verhalten Handlungsspielräume, um Verhalten zu beeinflussen:

  1. Wir können die Situation verändern.
  2. Wir können die Konsequenzen gestalten.

1. Die Situation verändern

Das ist die einfachste und oft effektivste – und leider auch am meisten vernachlässigte – Möglichkeit.
Statt den Hund einfach frei laufen zu lassen, ohne vorausschauend zu handeln, und ihn dadurch einer rennenden Katze auszusetzen, könnten wir an Orten, an denen wir wissen, dass es Katzen gibt, unseren Hund vorsorglich anleinen und mit einem tollen Spiel beschäftigen. Oder wir lassen keine verlockenden Essensreste auf der Küchenzeile liegen – und verhindern so unerwünschtes Verhalten, noch bevor es entsteht.

👉 Gutes Training bedeutet immer, die Umgebung so vorausschauend zu gestalten, dass dein Hund überhaupt die Möglichkeit bekommt, das gewünschte Verhalten zu zeigen.


2. Konsequenzen gestalten: Die 4 Arten der operanten Konditionierung

Hier wird es etwas technischer – aber sehr wichtig. Es gibt vier Arten von Konsequenzen:

Positive Verstärkung: Ein Reiz wird hinzugefügt, das Verhalten tritt häufiger auf.

Negative Verstärkung: Ein Reiz wird entfernt, das Verhalten tritt häufiger auf.

Negative Strafe: Ein Reiz wird entfernt, das Verhalten tritt seltener auf.

Positive Strafe: Ein Reiz wird hinzugefügt, das Verhalten tritt seltener auf.

👉 Wichtig: „Positiv“ und „Negativ“ meinen nicht gut oder schlecht, sondern lediglich: etwas (ein Reiz) wird hinzugefügt oder weggenommen.
👉 Wichtig: „Strafe“ und „Verstärkung“ meinen ebenfalls nicht gut oder schlecht, sondern lediglich: Verhalten wird schwächer/seltener bzw. stärker/öfter auftreten in Zukunft.


Beispiele in Aktion:

Katze jagen: Wird häufiger? → Positive Verstärkung.

Topfdeckel-Schreck: Hund springt nie wieder hoch? → Positive Strafe.

Sitz mit Leckerli: Sitz wird häufiger? → Positive Verstärkung.

Sitz mit Leckerli: Sitz wird seltener (weil das Leckerli nicht schmeckt)? → Positive Strafe.

👉 Ob das Entfernen oder Hinzufügen eines Reizes als Verstärkung oder Strafe wirkt, zeigt sich erst im Verlauf der Zeit.

👉 Ob das Entfernen oder Hinzufügen eines Reiz Verstärkend oder Bestrafend wirkt hängt von weiteren Faktoren ab und das kann sich mit der jeweiligen Situation verändern.


Warum belohnungsbasierte Trainerinnen nur positive Verstärkung verwenden!

Ja, alle vier Wege der operanten Konditionierung funktionieren. Aber rein belohnungsbasierte Trainerinnen entscheiden sich bewusst, auf drei davon zu verzichten (Positive Strafe, Negative Strafe und Negative Verstärkung) Warum? Weil jede Konsequenz eine Emotion auslöst – und positive Strafe, negative Strafe und negative Verstärkung können negative Emotionen auslösen.

Beispiel: Der Hund erschrickt beim Topfdeckel.
Er meidet danach nicht nur das Verhalten, sondern vielleicht auch die Küche. Vielleicht sogar dich, weil du in dem Moment neben ihm standest. Solche Verknüpfungen sind nicht steuerbar – und wirklich häufig beobachtbar. Es kann auch sein, dass dein Hund sensibler auf andere Geräusche reagiert und eine Geräuschangst entwickelt. Das macht den Einsatz von Schreckreizen (Geräuschdosen, Geräuschdiscs, Wasser, körperliches Einschüchtern durch Blocken etc.) sowie Schmerzreizen (Leinenruck, Kniffe in die Flanken, Unterwerfungsversuche wie auf den Rücken drehen etc.) hochproblematisch.

Und nein – es geht nicht darum, Hunde mit Leckerli vollzustopfen. Effektives, belohnungsbasiertes Training besteht aus viel mehr: Klarheit, guter Planung, Struktur, Timing, optimales Trainingssetting und Konsistenz.


Ein Beispiel mit allen vier Konsequenz Arten – „an Lockerer Leine gehen“

Positive Verstärkung:

Dein Hund bekommt jedes Mal ein Leckerli, wenn er locker neben dir geht.
→ Er lernt: Neben dir zu gehen lohnt sich.
→ Und ja – es gehört weit mehr dazu, als einfach nur Leckerchen beim Spaziergang zu verteilen. Denn eines ist uns belohnungsbasierten Trainerinnen immer bewusst – und das ist kein Geheimnis: Die Umwelt trainiert immer mit.

Das bedeutet: Dein Hund nimmt tausend spannende Reize wahr – er riecht, dass an dieser Stelle heute Morgen ein Hase den Weg gekreuzt hat, entdeckt frische Pipi-Nachrichten anderer Hunde … Und da sollen trockene Leckerli an deiner Seite ernsthaft mithalten können? Natürlich nicht. Aber: Das ist kein Grund zur Frustration, sondern ein ganz normaler Teil des Lernprozesses. Es braucht ein paar gut durchdachte Trainingsschritte, die du aber locker lernen kannst – Schritt für Schritt, in deinem Tempo. Wenn du dranbleibst und dich weiter mit belohnungsbasiertem Training beschäftigst, wirst du sehen:

Verständnis statt Druck, Beziehung statt Kontrolle, gut durchdachte belohnungsbasierte Trainingspläne statt veralteter Trainingsmethoden – das ist der Weg zu echter Verbindung und einem zuverlässigen glücklichen Begleiter.


Negative Verstärkung:

Dein Hund geht von deiner Seite weg. Du gibst oder hältst Zug auf der Leine. Sobald er neben dich zurückkommt, lässt du den Zug nach.
→ Er lernt: Das unangenehme Gefühl verschwindet, wenn ich mich „richtig“ verhalte.

Das Problem: Dein Hund steht dabei unter ständigem Druck – im wahrsten Sinne des Wortes.
Sobald er sich von dir entfernt, wird es unangenehm. Keine schöne Erfahrung. Damit diese Methode „funktioniert“, musst du das unangenehme Gefühl überhaupt erst erzeugen und aufrechterhalten – nur um es dann wieder zu beenden, wenn dein Hund per Zufall das richtige tut. Das hat nichts mit Vertrauensaufbau oder fairer Kommunikation zu tun ganz im Gegenteil.


Negative Strafe:

Dein Hund zieht zum Leckerli – du nimmst es weg.
→ Wenn du das wirklich konsequent in jeder Situation umsetzt, kann das Ziehen weniger werden.

Aber: Wenn dein Hund zwischendurch doch mal Erfolg hat, verstärkt sich das Verhalten trotzdem.
Wie im Casino: Der eine zufällige Gewinn reicht, um das Spiel am Laufen zu halten. Und nicht zu unterschätzen: Das offensichtliche Wegnehmen von Ressourcen kann – je nachdem, wie wertvoll dein Hund das Leckerli empfindet – zu mehr oder weniger starkem Frust führen. Frust, der sich schnell in Unruhe, Meideverhalten oder sogar Aggression entladen kann. Deshalb gilt auch hier: Nur weil etwas funktionieren kann, heisst es nicht, dass es gut für deinen Hund ist.


Positive Strafe:

Dein Hund zieht – du gibst einen Leinenruck. Es tut weh und, oder erschreckt ihn.
→ Er bleibt bei dir – aber nicht aus Vertrauen, sondern aus Unsicherheit oder Angst.

Das Problem: Strafe „funktioniert“ nur, wenn sie heftig genug ist und genau im richtigen Moment erfolgt. Und genau das macht sie so gefährlich. Denn das bedeutet: Du musst Schmerzen oder Angst gezielt und stark einsetzen, damit dein Hund das Verhalten mit der Strafe verknüpft. Diese Reize im exakt richtigen Moment anzuwenden, ist in der Praxis jedoch fast nie möglich.

Nimm nochmal das Beispiel vom jagenden Hund: Wann genau solltest du eigentlich strafen? Beim Anblick der Katze? Beim ersten Schritt Richtung Katze? Im vollen Jagdverhalten? Oder erst, wenn er schon wieder bei dir ist? Wenn dein Hund zur Katze rennt, du ihn zurückrufst und ihn nachträglich anschreist – oder noch schlimmer, ihm wehtust – bestrafst du nicht das Jagen, sondern das Zurückkommen. Das Ergebnis: Dein Hund wird das nächste Mal vermutlich zögern, zu dir zu kommen. Der Teufelskreis beginnt – denn genau das musst du dann ja auch wieder bestrafen. Das ist fatal. Mal ganz abgesehen davon, wann der richtige Moment überhaupt ist, stellt sich die praktische Frage: Wann hast du überhaupt die Gelegenheit dazu? Und ganz klar – der Einsatz von Hilfsmitteln wie Stromhalsbändern, die jederzeit reagieren könnten, ist gesetzlich verboten und ethisch nicht vertretbar! Das macht positive Strafe nicht nur schwierig anzuwenden – sie ist auch extrem unsicher, unfair und gefährdet eure Beziehung.

Was bleibt: Kein lernfreudiger Begleiter – sondern ein Lebewesen, das sich unsicher fühlt und Fehler zu vermeiden versucht, anstatt vertrauensvoll Neues zu entdecken und zu lernen.


Nach all diesen düsteren Zeilen kann ich dir Entwarnung geben: Es ist überhaupt nicht nötig, Strafe anzuwenden – warum also Gedanken darüber machen, wann der „richtige“ Moment dafür wäre?

Belohnungsbasiertes Training kann auch jagdlich motiviertes Verhalten hervorragend kontrollieren und verändern. Das Beweisen international tätige Trainer wie Thomas Stokke und Tobias Gustavsson, die ihre Hunde rein belohnungsbasiert ausbilden und dabei höchste Leistungen in Prüfungen und im realen Einsatz im Spürhundebereich wie auch im jagdlichen Einsatz erzielen. Und es gibt sogar Online-Programm auf Deutsch die dir helfen bei deinem Training. Wenn du mehr wissen willst, schreib mir einfach – ich verrate dir gerne, wo du die Kurse findest!

Es ist also schlicht und einfach nicht nötig, andere Arten der operanten Konditionierung als positive Verstärkung zu wählen – weil es mit belohnungsbasiertem Training funktioniert! 


Training & Emotionen sind untrennbar miteinander verknüpft

Darum arbeiten wir belohnungsbasiert. Schreck- und Schmerzreize können tiefe emotionale Wunden hinterlassen – bis hin zu Angststörungen. Hunde verknüpfen negative Erlebnisse blitzschnell: mit Orten, Geräuschen, Menschen. Diese Verknüpfungen lassen sich oft nur schwer oder gar nicht wieder lösen.

👉 Deshalb: Finger weg von positiver Strafe, negativer Strafe und negativer Verstärkung.

Denn diese Massnahmen können – je nach Hund – als Gewalt empfunden werden. Und Gewalt ist nicht nur das, was sichtbar weh tut. Gewalt ist auch psychisch. Gewalt beginnt da, wo ein Lebewesen leidet.

Gewalt lässt sich nicht objektiv festlegen.
Nicht anhand eines bestimmten Leinenrucks oder eines bestimmten Tons in der Stimme.
Gewalt wird definiert von dem, der sie erlebt und dieses Empfinden ist Subjektiv und immer Real!


Die Verbindung zur Bindung

Sichere Bindung entsteht, wenn dein Hund bei dir Verlässlichkeit, Schutz und Orientierung erlebt.
Du gibst ihm Sicherheit, weil du verstehst, wie er lernt – und weil du für ihn fair, berechenbar und freundlich bist. Belohnungsbasiertes Training ist die Grundlage für eine sichere Bindung.

Unsicher-ambivalente Bindung entsteht, wenn dein Hund nicht weiss, was als Nächstes passiert.
Er bleibt bei dir – aus Angst, nicht aus Vertrauen. Und ja, das macht auf Dauer krank.
Positive Strafe, negative Strafe und negative Verstärkung begünstigen unerwünschte Bindungen!


Belohnungsbasiertes Training ist so viel mehr als ein Konzept

– es ist eine Haltung, eine Entscheidung für Verbindung, Vertrauen und gegenseitigen Respekt. Es ist eine Lebensphilosophie.

Wenn du dich auf diesen Weg machst, wirst du nicht nur Verhaltensveränderungen sehen – du wirst erleben, wie tief eine Beziehung zwischen Mensch und Hund wirklich sein kann. Du wirst merken, wie viel leichter das Miteinander wird, wenn dein Hund nicht aus Angst funktioniert, sondern aus Freude mit dir arbeitet.

Lass dich nicht entmutigen von lauten Stimmen, die vermeintlich schnelle Lösungen versprechen. Nimm dir die Zeit, zu verstehen und zu lernen, wie nachhaltiges Training wirklich funktioniert – für deinen Hund, für dich, für eure gemeinsame Zukunft. Du musst das nicht allein schaffen. Es gibt viele engagierte Hundetrainerinnen, Fachstellen und Initiativen, die dich auf diesem Weg begleiten. Informiere dich, stelle Fragen, lerne dazu – dein Hund wird es dir danken. Jeden Tag. Mit jedem Blick. Mit jedem Schritt an deiner Seite. Denn echte Beziehung entsteht nicht durch Druck – sondern durch Vertrauen. 💛

Herzlichste Grüsse
Scarlett
mit tierischer Unterstützung Asera und Eos


In den Quellen findest du weiterführende Infos, Organisationen und Initiativen, die sich für das belohnungsbasierte Training – und damit für das Wohl unserer Hunde – stark machen.

Quelle: https://www.sciencedirect.com

Zitat aus Studie auf Deutsch übersetzt: “Teil Zwei zeigt eine deutliche Verbindung zwischen dem Einsatz körperlicher Strafen oder konfrontativer Trainingsmethoden und einer erhöhten Wahrscheinlichkeit von gegen Menschen gerichteter Aggression”

Quelle: https://www.sciencedirect.com

Zitat aus Studie auf Deutsch übersetzt: “Zudem kann positive Bestrafung zwar wirksam sein, doch gibt es keinerlei Belege dafür, dass sie wirksamer ist als auf positiver Verstärkung basierendes Training. Tatsächlich gibt es sogar Hinweise darauf, dass das Gegenteil zutrifft.“

Quelle: https://www.companionanimalpsychology.com/p/resources.html

Quelle: https://www.gewaltfreies-hundetraining.ch/gewaltfreies-training/canine-science/

Quelle: https://www.gewaltfreies-hundetraining.ch/

Quelle: https://ibh-hundeschulen.org/

Quelle: https://www.fairplaymithund.ch/

« Wir arbeiten mit positiver Verstärkung, basierend auf den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen »

Scarlett Schneider – Hundetrainerin

Pssst,...hier entsteht etwas Besonderes!

✨ Eine Community für dich und deinen Assistenzhund ✨
Unabhängig. Wissensbasiert. Herzlich.
Möchtest du mehr erfahren?
Dann klick jetzt auf den Button, erhalte wertvolle Infos und bleib up to date! 💛🐾

Ich will mehr Informationen

Hast du ein Wunschthema?

Gibt es ein Thema, das dich besonders interessiert oder zu dem du dir mehr Informationen wünschst? Dann lass es mich wissen!

Ich freue mich über deine Anregungen und werde mein Bestes geben, um fundiert zu recherchieren und das gewonnene Wissen hier verständlich und praxisnah mit dir zu teilen.

Wunschthema senden

Privacy Preference Center